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Abschied vom Großformat

(Oder: Warum es für mich nicht funktioniert hat)

Die Anfänge

Wie die meisten Hobbyfotografen bin auch ich mit Kleinbild-Spiegelreflexkamera in die Welt der "ernsthaften" Fotografie eingestiegen. Durch das aufkommende Internet, speziell die Lektüre der Newsgroup de.rec.fotografie, kam dann wie bei vielen irgendwann der Wunsch nach größeren Negativen auf, sprich zunächst: Mittelformat. Der Einstieg ist hier auch kein großes Problem mit diversen älteren Box- und Klappkameras, die für ein paar Euro erhältlich sind. Wenn man dann einmal 6x6- oder 6x9-Negative aus diesen alten Schätzchen gesehen hat, wünscht man sich als nächstes eine vernünftige Optik. In meinem Fall führte das dann zum Kauf einer wunderschön erhaltenen Rolleicord Vb - eine Investion, die ich nie bereut habe.

Nun wird's gefährlich...

So schön die Rolleicord auch verarbeitet ist, und so scharfe Bilder das Xenar auch liefert, ein Nachteil bleibt: das Objektiv ist nicht wechselbar. Gerade für Portraits ist die 75mm-Brennweite doch oft zu weitwinkelig, und für Landschaft und Stadtfotografie nicht weitwinkelig genug. Also hießen die beiden Optionen: Mittelformat-Systemkamera à la Hasselblad oder Großformat. Nach einigen Preisrecherchen fielen Hasselblad, Mamiya und die neueren Rolleis gleich weg, die Ost-Kopien mit Namen Kiev etc. schienen notorisch unzuverlässig zu sein und mechanisch nicht im geringsten vergleichbar mit dem, was ich von der Rolleicord gewohnt war. Durch die aufkommende Digitalisierung der "Profis" war allerdings Großformat plötzlich sehr erschwinglich geworden. Wiederum moralisch unterstützt durch diverse Newsgroups und Internetforen schlug ich also zu: eine Toyo Field 45A mit Schneider Symmar-S 5.6/150 MC. Ein günstiger 4x5"-Vergrößerer war auch schnell gefunden, ebenso wie zwei weitere Objektive (Schneider Symmar 5.6/210 und Super Angulon 8.0/90) und das übliche Zubehör wie Pola-Kassette, Planfilmkassetten, Lupe und Einstelltuch.

GF-Ausrüstung

Jetzt gehts los...!

Nach den ersten erfolgreich belichteten und entwickelten Planfilmen herrschte zunächst mal Euphorie: wow, riesige Negativfläche - die Abzüge zeigen Null Korn, tolle Grauverläufe - gigantische Ausschnittsvergrößerungen möglich. Durch die Verstellmöglichkeiten (shift, tilt) bieten sich plötzlich ganz neue Aufnahmetechniken.

Zwei Jahre später...

Nun, die anfängliche Euphorie über die tatsächlichen oder vermeintlichen Vorteile einer Großformatkameras verblaßte etwas in den knapp zweieinhalb Jahren, in denen ich mit der Kamera unterwegs war. Im folgenden ein kurzer Überblick darüber, warum Großformat für mich nicht funktioniert.

Große Negativfläche

Die riesigem Negative erfordern natürlich eine wesentlich geringere Vergrößerung als die winzigen KB-Schnipsel, daher sind natürlich wesentlich größere Abzüge möglich bzw. sind kleinere Abzüge vollkommen kornfrei mit perfekten Grauverläufen

Gegenüber Rollfilm bleibt dieser Vorteil des Planfilms natürlich bestehen, wenn auch in deutlich geringerem Maße. Was aber noch wichtiger ist: wenn man die Größe der Abzüge auf ca. 30x40 beschränkt (und größere mache ich nicht), dann ist der Vorteil verschwunden. Das größere Negativ bietet zwar mehr Reserven, die aber nicht genutzt werden bzw. die das Auge überhaupt nicht mehr wahrnimmt. Daher ist der Vorteil von Plan- gegenüber Rollfilm bei Abzügen dieser Größe nicht vorhanden. Diesen Effekt beschreibt auch Barry Thornton in seinem vorzüglichen Buch "Edge of Darkness".

Gerne übersieht man bei der Komposition auf der Mattscheibe auch Details am Rande, bzw. die Mattscheibe zeigt nicht alles, was später auf dem Negativ zu sehen ist. Also muß man schon mit Ausschnitten arbeiten, was den Formatvorteil weiter reduziert.

Verstellmöglichkeiten

Um es kurz zu machen: ich fotografiere relativ wenig Architektur, und wenn doch, dann kann ich mit leicht stürzenden Linien leben. Genausowenig fotografiere ich ebene Wüstenlandschaften, die von vorne bis hinten scharf sein sollen. Mit anderen Worten: shift und tilt sind nett, für mich aber verzichtbar. Tatsächlich habe ich die vertikalen und hotizontalen Shiftmöglichkeiten eher als Feinausrichtung gesehen, weil ich zu faul war, das Stativ zu verstellen.

Die Verstellmöglichkeiten verführen auch dazu, krampfhaft nach Motiven zu suchen, bei denen man sie wirklich benötigt, um Shift und Tilt dann auch tatsächlich mal anwenden zu können. Dummerweise sind solche GF-kompatiblen Motive aber nicht zwingend die, die mich interessieren (scheint sowas ähnliches wie eine "selbsterfüllende Prophezeihung" ("self-fulfilling prophecy") zu sein...)

Gewicht und Volumen

Daß eine GF-Ausrüstung nicht in eine Damenhandtasche paßt, war mir schon klar. Allerdings hielt mich der Aufwand, den schweren Rucksack und das nicht minder schwere Stativ umzuhängen und zu schleppen oft von spontanen Fototouren ab - stattdessen wurde die kleine leichte Rolleicord eingepackt, und ich kam oft genug mit guten Bildern zurück, wenngleich ich natürlich an die eine Festbrennweite der 'Cord gebunden war.

Man mag mir nun Bequemlichkeit oder mangelnde Motivation vorwerfen, aber ich versuche ja nur zu erklären, warum mir das Ganze letztlich keinen Spaß mehr gemacht hat...

So hatte ich die komplette Ausrüstung mehrfach in den Wanderurlaub mitgenommen. Nicht, um das ganze Geraffel auf irgendwelche Gipfel zu schleppen, aber um "im Ort" einige Aufnahmen zu machen. In den meisten Fällen bin ich ohne einen einzigen belichteten Fladen nach Hause zurückgekommen - die Hemmschwelle, das schwere Zeug "auf Verdacht" mitzunehmen, ohne genau zu wissen, was sich einem an Motiven bieten wird, ist bei mir einfach zu hoch.

Motivsuche und Spontaneität

Hat man sich denn mal dazu entschieden, die Ausrüstung spazierenzuführen und auf Motivsuche zu gehen, kann es oft passieren, daß man die Kamera aufbaut und nach mehrfachem Objektiv- und Standortwechsel feststellt, daß eigentlich gar kein Motiv vorhanden ist. Entweder packt man dann wieder zusammen, oder man macht trotzdem ein mehr oder weniger unmotiviertes Bild, um den Aufbauaufwand zu rechtfertigen. Beides ist nicht befriedigend.

Einige werden jetzt sagen, mal solle doch eine KB-Spiegelreflex oder eine Digicam mitnehmen, um Motive zu suchen und den Ausschnitt festzulegen. Aber man beachte, daß das Seitenverhältnis ein anderes ist und daß ein Bild auf der Mattscheibe ganz anders beurteilt wird als in einem Sucher oder gar auf einem TFT-Display.

Mit schnell wechselnden Lichtsituationen hat man ebenso seine Schwierigkeiten. Der Sonnenstrahl, der da gerade eben so malerisch durch die Wolkendecke bricht, ist garantiert verschwunden, bis man endlich alles aufgebaut, gemessen und eingestellt hat. Von Schnappschüssen mit Personen (speziell Kindern) und Tieren rede ich mal gar nicht.

S/W-Filmentwicklung

Viele Planfilme entwickeln ist eine mühselige Sache. Zwar kommt man i.d.R. nicht mit Dutzenden belichteter Planfilme nach Hause, aber jedenfalls konnte ich mit meinen Mitteln nicht mehr als 6 Fladen gleichzeitig entwickeln. Dazu kommt der hohe Chemikalienverbrauch (über ein Liter!) - in der gleichen Menge könnte man auch vier KB- oder Rollfilme entwickeln.

Farbe

Farbaufnahmen mit Großformat sind einfach nur teuer. Je nach Typ (Negativ oder Dia) kostet ein Schuß so um 2,50 EUR - ohne Entwicklung. Gibt man die Negative ins Fachlabor, so kostet die Entwicklung nochmal so zwischen 5 und 8 EUR - pro Blatt. Man kann natürlich auch selbst entwickeln - ohne Prozessor ist das aber eine mühsame und fehlerträchtige Prozedur. Eigens einen Prozessor anschaffen wollte und konnte ich mir dann aber auch nicht.

Das Vergrößern solcher Negative - so man es selbst machen will - erfordert einen Farbmischkopf. Ich hatte einen Mittelformat-Farbmischkopf an meinen Liesegang Rajah V adaptiert, aber durch die erforderliche Diffusorscheibe lagen die Belichtungszeiten im Minutenbereich. Nicht lustig.

Zum Themia "Dia" kann ich nichts weiter sagen, das habe ich nie ausprobiert.

Portraits/Studio

Durch das systembedingte Vorgehen sind spontane Portraits unmöglich. Zunächst muß das Model sehr ruhig stehen oder sitzen, damit man überhaupt erstmal fokussieren kann - das schränkt die Anzahl der Posen und deren Spontaneität schon drastisch ein. Hat man dann mal die Komposition festgelegt und scharfgestellt, muß das Model wie festgenagelt verharren, bis man den Verschluß geschlossen, Zeit und Blende eingestellt, die Planfilmkassette eingeschoben, den Schieber entfernt und endlich ausgelöst hat. Die Chancen, daß sich das Model in dieser Zeit aus dem sowieso sehr engen Schärfebereich herausbewegt hat oder der Gesichtsausdruck komplett anders ist, stehen nicht schlecht.

Apropos Schärfebereich: durch die langen Brennweiten ist dieser sehr klein, was starkes Abblenden erfordert, was wiederum zu sehr langen Belichtungszeiten führt. Das kann man zwar mit einem 400er Film etwas kompensieren, aber wenn man bei S/W z.B. noch einen Orangefilter einsetzt, ist der Vorsprung wieder dahingeschmolzen. Arbeitet man mit Blitz, so braucht man schon ordentlich Power, um wenigstens auf Blende 16 zu kommen.

Landschaft

Ein ähnliches Problem mit den langen Belichtungszeiten hat man auch bei der Landschaftsfotografie. Zwar bewegen sich Berge und Bäume nicht vom Platz, aber der fast immer vorhandene Wind - egal wie leicht die Brise sein mag - bewegt Zweige, Gräser und Wasseroberflächen. Auch Wolken ziehen am Himmel. Kommt man dann auf eine Belichtungszeit im Sekundenbereich (und das ist schnell erreicht), handelt man sich Bewegungsunschärfen ein. OK, in der zentralen Sahara gibt's wahrscheinlich weder Wasser noch Pflanzen... ;-)

Makro

Mit meiner Kamera (bzw. deren Balgen) und dem 150er-Objektiv waren Makros bis 1:1 möglich. Hört sich zunächst mal toll an, aber 1:1 bedeutet in diesem Fall, daß man einen Gegenstand von 9cm Länge und 12cm Breite formatfüllend abbilden kann - Blüten sind meistens kleiner. Dazu kommt, daß die lange Brennweite bei 1:1 einen quasi nicht vorhandenen Schärfebereich hat, es ist massives Abblenden (f/45) erforderlich, und selbst damit bekommt man halbwegs "dreidimensonale" Gegenstände nicht komplett scharf abgebildet. Auch tilten hilft da nicht viel!

Action, Sport, Tiere, Streetphotography

All das kann man mit GF getrost vergessen, entweder wegen der Langsamkeit des Systems oder wegen der extrem langen Brennweiten, die für solche Sujets erforderlich wären. Da ich diese Themengebiete auch in KB nicht bearbeite, war das kein so großer Nachteil für mich.

Zusammenfassung

Um es auf die wesentlichen Punkte zu bringen:

Diese Punkte rechtfertigen in meinen Augen weder die teure Ausrüstung noch den den Aufwand, der betrieben werden muß und vor allem nicht die Schlepperei.

Hinweis an andere GF-Interessenten

Ich möchte nochmal betonen, daß dies alles persönliche Gründe sind, warum ich mit dieser Art Kamera nicht zufrieden bin. Andere Leute mögen die Umständlichkeit und Langsamheit dieser Art der Fotografie sogar begrüßen (obwohl mir dieser Punkt, der in Foren immer wieder betont wird, inzwischen als Pseudo-Rechtfertigung erscheint). Andere Leute mögen die Zeit und Muße dazu haben, ich nicht - neben Job, Familie, Haus usw. ist Fotografie nur ein Hobby, das Spaß machen soll und für das nicht beliebig viel Zeit zur Verfügung steht.

Wer riesige, metergroße Abzüge machen will, der benötigt natürlich tatsächlich das große Filmformat. Wer auf Architektur spezialiert ist, oder wer tatsächlich Wüstengegenden von vorne bis hinten scharf wiedergeben möchte, der benötigt ebenso zwingend die Verstellmöglichkeiten der Großformatkamera.

Ich möchte keinem, der Interesse an der Großformatfotografie hat, davon abraten - im Gegenteil, es war eine wertvolle Erfahrung. Man sollte sich nur darüber im Klaren sein, daß man sich die vermeintlichen oder echten Vorteile des Großformats mit etlichen anderen Widrigkeiten und Nachteilen erkauft. Was letztlich überwiegt, muß jeder für sich selbst entscheiden.

Die schlechteste Kamera ist die, die nur im Schrank liegt.

Und was macht er jetzt...?

Es geht zurück ins Mittelformat - habe mir eine Rollflex SL66 mit mehreren Objektiven und Zubehör zugelegt. Ein erster Erfahrungsbericht folgt in Kürze.

Jetzt werden einige sagen: woah, die SL66 ist doch auch ein riesiger Klotz, da spart er sich aber nicht viel beim Schleppen! Möglich, aber immerhin kann man die SL66 auch freihand einsetzen, man kann ohne langes Aufbauen durch den Sucher sehen und prüfen, "ob da ein Bild ist". Portraits dürften wesentlich spontaner werden, und auch Farbe rückt wieder in den bezahlbaren Bereich. Das Format 6x6 bietet jedenfalls genügend Reserven für meine Abzüge, die meistens die Größe 24x30, eher selten 30x40 haben.

Außerdem liebe ich solche feinmechanischen Wunderwerke wie die SL66. Dagegen ist eine Laufbodenkamera ja richtig grobschlächtig - bis auf die Verschlüsse, und die sind nun nicht sonderlich sexy.

Und die SL66 ist ja auch ein bißchen wie Großformat: sie hat einen Balgen, und tilten kann man ihn auch. Möglich, daß ich doch noch flache Wüsten fotografieren werde ;-)

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Artikelhistorie

2005-07-22
Erste Fassung