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Großnegative für Cyanotypie

Anmerkung: Im folgenden Artikel werden Produkte bestimmter Hersteller beschrieben und erwähnt. Dies erfolgt vollkommen wertneutral, ich habe mit diesen Firmen keinerlei geschäftlichen Kontakt und bekomme auch nichts dafür, daß ich deren Produkte hier erwähne.

Wozu Großnegative?

Die Cyanotypie ist wie die meisten alternativen Prozesse ein Kontaktverfahren, d.h. das resultierende Bild ist immer so groß wie das Ausgangsnegativ; Vergrößerungen sind in der Regel nicht möglich. Nun kann es zwar nett aussehen, Cyanos von Mittelformat- oder sogar Kleinbildnegativen zu erstellen, aber direkte Cyanos vom Negativ werden eigentlich erst bei Großformatnegativen interessant.

Nun besitzen aber leider die wenigsten eine Fachkamera, und selbst Negative im Format 9x12 bzw. 4x5" erscheinen als Cyano doch noch recht winzig. 8x10" wäre das Idealformat, aber solche Kameras übersteigen sowohl von der finanziellen Seite als auch vom zu schleppenden Gewicht die Schmerzgrenze der meisten Hobbyfotografen.

Außerdem wird immer das ganze Negativ ausgenutzt; Ausschnittsvergrößerungen sind nicht möglich.

Was ist das Ziel?

Erwünscht ist also ein Negativ in beliebiger Größe. Da die meisten fotografischen Prozesse darauf aufgelegt sind, ein Positiv vom Negativ zu erzeugen, unser Ausgangsmaterial und unser Ziel aber ein Negativ ist, sind i.d.R. zwei Schritte erforderlich:

  1. Erzeuge ein Positiv vom Ausgangsnegativ, das sogenannte "Interpositiv"
  2. Erzeuge vom Interpositiv wieder ein Negativ

Die Vergrößerung und Ausschnittswahl kann sowohl im ersten als auch im zweiten Schritt geschehen.

Die Maximaldichte des Negativs muß für die klassische Cyanotypie etwas höher sein als für solche, die zum "normalen" Vergrößern gedacht sind; log D sollte etwa 1,7-1,8 betragen. Daher eignen sich die "normalen" Negative, die man schon hat, meistens nicht als direkte Kontaktvorlagen, da der Kontrastumfang zu gering ist. Eine Ausnahme bilden Negative, die mit "stainenden" Entwicklern wie Pyrocat-HD oder Tanol von Walter Moersch produziert wurden. Der Stain bildet eine zusätzliche UV-Dichte, weshalb solche Negative durchaus als Print- als auch als Kontaktnegativ verwendet werden können.

Mögliche Verfahren

Unser Ziel können wir auf verschiedene Arten erreichen, hier eine Auswahl:

  1. Duplizieren des Ausgangsnegativs in Originalgröße auf Reprofilm, anschließende Vergrößerung wiederum auf Reprofilm in Zielgröße, oder Vergrößerung des Ausgangsnegativs auf Reprofilm und Kontaktkopie davon wiederum auf Reprofilm in Zielgröße. Dieses Verfahren erfordert Spezialfilme und -entwickler, die für den Amateur schwierig oder garnicht zu beschaffen sind. Ein Beispiel (in Englisch) ist der Artikel von Bob Herbst auf Unblinkingeye.
  2. Direkte Umkehrverfahren: hier wird zunächst auf Spezialfilm in Zielgröße ein Positiv belichtet, welches aber auf chemischem Wege direkt wieder ins Negativ umgekehrt wird. Dieses Verfahren wird normalerweise zur Erzeugung von S/W-Dias verwendet (das latente negative Bild wird direkt chemisch in ein Positiv, nämlich ein Dia, entwickelt). Das Verfahren ist zwar für den Amateur durchführbar, aber recht aufwendig und erfordert größere Mengen sehr giftiger Chemikalien, z.B. Dichromate. Eine Beschreibung des Verfahrens (in Englisch) findet sich Artikel von Ed Buffaloe auf Unblinkingeye.
  3. Digitale Variante: Ein beliebiges Positiv wird gescannt, per Bildverarbeitung invertiert und mit dem Tintenstrahldrucker auf eine durchsichtige Folie gedruckt. Es werden spezielle Anforderungen an die Tinte und die Folien gestellt; nähere Informationen finden sich z.B. bei Jochen Schulte
  4. Papier-Papier-Methode: es wird ein normaler Abzug erstellt, und von diesem im Kontaktverfahren wiederum ein Negativ auf Papier produziert, von dem dann die Cyanotypie erzeugt wird. Das ist mit Abstand das einfachste und billigste Verfahren, allerdings auch das qualitativ schlechteste. Außerdem ist Fotopapier, selbst solches mit dünnem Träger, nicht sehr UV-durchlässig, so daß die ohnehin schon langen Belichtungszeiten der klassischen Cyanotypie ins beinahe unerträgliche ansteigen.
  5. Die Papier-Papier-Methode ließe sich deutlich angenehmer gestalten, wenn im letzten Schritt das Großnegativ auf durchsichtigem Papier erstellt werden könnte. Gibt es nicht? Überraschenderweise doch: die Firma Maco bietet genauso ein Material an, es heißt Maco Genius Printfilm und wird als "Fotopapier mit durchsichtigem Träger" beworben.

Eigenschaften des Maco Genius Printfilm

Im Folgenden sei das Material kurz mit GPF bezeichnet. Es handelt sich hierbei um orthochromatische S/W-Planfilme mit einer Nennempfindlichkeit von etwa 15 DIN/25 ASA, die in der Schale wie Fotopapier entwickelt werden können. Da das Material orthochromatisch, also rotunempfindlich ist, kann sogar nach Sicht entwickelt werden, was wesentlich angenehmer ist als das Hantieren in totaler Dunkelheit

GPF ist in vielen verschiedenen Größen erhältlich, leider nicht ganz preiswert. Eine Packung mit 10 Blättern 18x24 kostet ca. 17 EUR (Stand Mai 2005).

Entwickelt werden kann der GPF in üblichem Papierentwickler. Maco empfiehlt seinen Standardentwickler "Maco Ecoprint" in einem Ansatz von 1 Teil Entwickler + 5 Teile Wasser + 2 Teile Härter und eine Entwicklungszeit von nicht unter 5 Minuten, um Schleierbildung zu vermeiden. Mit diesem Ansatz habe ich gute Erfahrungen gemacht; die erreichbare Negativdichte liegt hierbei bei einem log D von etwa 1,7-1,8, also genau passend für die klassische Cyanotypie.

Der Härter (z.B. LP Geladur) wird von Maco dringend empfohlen, da die Schicht angeblich sehr empfindlich ist.

Der GPF ist nicht kontrastvariabel; der Kontrast kann aber über die Entwicklerkonzentration und die Entwicklungszeit gesteuert werden.

Vom kleinen zum großen Negativ - Schritt für Schritt

Für das Interpositiv benötigen wir
  • S/W-Fotopapier mit unbeschrifteter Rückseite und nicht zu schwerem Träger. PE-Hochglanzoberfläche ist empfehlenswert, damit sich die Textur von z.B. Seitenmatt-Papieren nicht im Kontaktnegativ wiederfindet.
  • Normale S/W-Positivchemie (Entwickler, Stoppbad, Fixierer, ggfs. Selentoner) nach persönlichen Vorlieben
Für das Kontaktnegativ benötigen wir
  • Maco Genius Printfilm in gleicher Größe wie das Interpositiv
  • Maco Ecoprint (oder ähnlichen Papierentwickler)
  • LP Geladur (Härtungsmittel, empfohlen)
  • LP Citrodur (oder ähnliches (härtendes) Stoppbad)
  • LP Fix Supra (oder ähnliches Schnellfixierbad)
  • LP Master Proof (oder ähnliches Netzmittel)
  1. Erstellen eines ausgewogenen S/W-Prints auf normalem kontrastvariablen PE-Papier, z.B. Ilford Multigrade IV, in Zielgröße. Die Rückseite des Papiers darf keinerlei Beschriftungen oder Markierungen haben! Diesen Abzug ganz normal entwickeln, stoppen, fixieren, ggfs. selentonen, trocknen und je nach Bedarf ausflecken.
  2. Nun den GPF-Entwickler ansetzen. Als Startwert für Experimente sollte man die oben angegebene Mischung verwenden: 1 Teil Entwickler + 5 Teile Wasser + 2 Teile Härter. Ebenso Stoppbad und Fixierer vorbereiten. Der Fixierer soll laut Maco ein hochkonzentrierter Schnellfixierer sein ("wegen des hohen Silbergehalts des GPF"), z.B. Ilford Hypam 1+4 oder Macos eigenes Produkt, LP Fix Supra 1+7. Als Arbeitstemperatur für alle Bäder sollten 20°C eingehalten werden.
  3. Nun den Vergrößererkopf so einstellen, daß eine Fläche in Zielgröße ausgeleuchtet wird. Alle Filter (z.B. Multigrade-Filter) entfernen bzw. am Farbmischkopf alle Werte auf Null drehen (der GPF ist nicht kontrastvariabel). Ein bis zwei Stufen abblenden (etwa auf 5,6).
  4. Alle Lampen ausschalten bis auf Rotlicht (wirklich nur rot - nicht orange, nicht braun, nicht grün oder sonstwas!).
  5. Eine schwarze Pappe auf das Grundbrett legen, um Streuungen zu vermeiden. Ein Stück GPF darauf legen, und darauf den Abzug mit der Bildseite nach unten plazieren - sinnigerweise so, daß der GPF-Streifen einen bildwichtigen Bereich abdeckt. Das ganze mit einer Glasplatte beschweren.
  6. Nun wie gewohnt Probestreifen aufbelichten, z.B. in 2-Sekunden-Intervallen.
  7. Den GPF-Schnipsel entwickeln, stoppen, fixieren und wässern; abschließend ein Bad in hochverdünntem Netzmittel. Achtung, das GPF-Material ist in feuchtem Zustand sehr glitschig, Gummihandschuhe sind besser als Zangen (Kratzer!).
  8. Jetzt kommt der schwierige Teil: die Beurteilung der richtigen Belichtungszeit. Was im Interpositiv (also dem normalen Abzug) tiefschwarz war, muß auf dem GPF glasklar sein, während die Lichter des Positivs auf dem GPF "ziemlich dicht" sein müssen (im Vergleich mit "normalen" Negativen). Meßtechnisch sollte log D bei etwa 1,7-1,8 liegen. Ohne Densitometer ist man hier leider auf Augenmaß und die Methode gemäß "Versuch und Irrtum" angewiesen.
  9. Ist der Kontrast offensichtlich zu niedrig, so muß entweder die Entwicklungszeit verlängert oder die Entwicklerkonzentration erhöht werden. Ist der Kontrast zu hoch, ist die Entwicklungszeit zu verkürzen (aber nicht unter 5 Minuten) oder die Konzentration zu verringern (bei Maco Ecoprint bis 1+14 - der Härteranteil zählt zum Wasseranteil hinzu!)
  10. Hat man die korrekte Belichtungszeit gefunden, so belichtet man nun ein ganzes Blatt GPF mit der durch die Probestreifen ermittelten Zeit. Achtung: wenn die korrekte Zeit z.B. bei 8 x 2 Sekunden liegt, so sollte man die finale Belichtung nicht mit einer Belichtung von 16 Sekunden, sondern ebenfalls mit 8 Einzelbelichtungen zu je 2 Sekunden machen. Dies hat nichts mit Kleinlichkeit zu tun - der Unterschied zwischen den beiden Belichtungsarten ist gravierend, je nach Vor- und Nachglühzeit der Lampe im Vergrößerer.
  11. Nun kann die erste Cyanotypie produziert werden. Ängstliche bzw. sparsame Zeitgenossen können natürlich auch erst mal eine auf Basis des Teststreifens erstellen, bevor sie ein ganzes Blatt des teuren GPF-Materials opfern.

Wahrscheinlich wird es nicht auf Anhieb gelingen, ein perfektes Großnegativ zu erzeugen - dazu gibt es in dem Verfahren zu viele individuelle Parameter. Als Anhaltspunkt für die Belichtungszeiten auf GPF seien hier meine Standard-Daten für 18x24-Kontaktnegative genannt:

Hier ein Beispiel in Größe 18x24, abfotografiert vom Leuchtkasten: oben Originalprint, unten GPF-Kontaktnegativ.

GPF-Negativ

... und hier die Cyanotypie:

GPF-Cyanotypie

Viel Spaß beim Experimentieren und Testen!

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Artikelhistorie

2005-05-06
Erste Fassung